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19.01.2010

1. Aseptisches Krankenhaus der Welt vor 125 Jahren in Kiel errichtet

Neubersche Klinik 1885 als Vorläufer des Sankt Elisabeth Krankenhauses revolu-tioniert das keimarme Operieren.


Neben dem 20. Jahrestag der KN-Gesundheitsbeilage, herzlichen Glückwunsch vom Sankt Elisabeth Krankenhaus zu diesem erfolgreichen Dauerbrenner, wird in Kiel in diesem Jahre ein weiteres wichtiges Ereignis gefeiert: ?Der 125. Jahrestag der ersten nach aseptischen Grundsätzen errichteten Klinik der Welt.? ? heute Sankt Elisabeth Krankenhaus Kiel.

Professor Gustav Adolf Neuber gilt als Schöpfer der Asepsis. 1850 wird er geboren. Nach dem Medizinischen Studium ist er bis Mitte der 80er Jahre des vorletzten Jahrhunderts Oberarzt an der Kieler Universitätsklinik. Neuber, ein unver-besserlicher Idealist, ist sehr unzufrieden mit den Operationserfolgen. Obwohl die Operation erfolgreich verläuft, sterben sehr viele Menschen an den Folgen des Eingriffs durch gefährliche Keime, die sie sich gerade durch die Operation ?er-worben? haben. Zunächst versucht Neuber seinen Chef in der Universitätsklinik, Professor Esmarch, davon zu überzeugen, gemeinsam Abhilfe zu schaffen. Das schien ihm nicht möglich, zumindest nicht so schnell, wie er es sich vorstellte und er kaufte im Königsweg in Kiel, wo er schon eine Privatklinik für die 1. Klasse betrieb, ein Wohnhaus und baute es als Klinik um. Sie ist 1885 eröffnet worden und gilt weltweit als erste aseptische Klinik.

In seiner eigenen Sprache beschreibt er den Zustand, den er ändern will:
?Andere chirurgische Anstalten besitzen im Allgemeinen nur einen Operations-saal. ? Dieser pflegt opulent ausgestattet zu sein und macht im Allgemeinen auf den oberflächlichen Beschauer einen viel versprechenden Eindruck. Wir finden complicirte Operationstische nach den neusten Modellen, Subsellien für die Zu-schauer, hübsche Schränke mit einem sehr reichhaltigen Instrumentarium, di-verse, dem Auge gefällige Wand und Deckenverzierungen, Vorhänge an den Fens-tern, Schränke mit Verbandsvorräthen, Flaschen mit antiseptischer Lösung, complicirte Waschvorrichtungen und eine grosse Zahl verschiedener kleiner Ge-genstände, welche an den Wänden hängend oder auf den Tischen liegend ihrer gelegentlichen Verwendung harren, gleichzeitig aber als Staub und Bacterienfänger eine Rolle spielen und die Reinlichkeit des Zimmers  in hohem Grade beeinträch-tigen.?

Neuber baute in seiner Klinik gleich 5 Säle. Ein Saal für entzündete Gewebe, ein zweiter für chronisch entzündete Gewebe, ein dritter für frische Verletzungen und nicht entzündliche Gewebe. Im vierten Saal oder Zimmer, wie ein Saal früher noch hieß, wurden unblutige Eingriffe durchgeführt und im fünften Saal Un-tersuchungen von Erkrankungen des Darmes und des Urogenitaltraktes. Dabei stellte er eine konsequente Trennung von Inventar, Instrumente, Personal, Be-kleidung, usw. sicher. Hierzu Neuber im O-Ton: ?Ich habe jedes Operations-zimmer so einrichten lassen, dass einerseits die Infectionsstoffe wenig Gelegenheit zum Anhaften oder gar zur Entwicklung finden und andrerseits die Reinlichkeit der Wand- und Bodenflächen, des Inventars, der Instrumente, der Luft etc. durch geringe Arbeitskräfte leicht und gründlich herzustellen ist.? Man sieht aus dem letzten Satz, dass auch vor 125 Jahren schon kostenbewusst gebaut wurde.

Um jedes Detail kümmerte sich Neuber persönlich, z.B. die Einrichtung der Säle: ?Das Zimmerinventar besteht zunächst aus mehreren Stühlen, je einem Operati-ons-, Instrumenten-, Verband- und Waschtisch. Die Einrichtung des  letzteren ist außerordentlich einfach und sauber. Aus der Wand ragt eine 3 ctm. dicke Glas-platte von 48 ctm. Tiefe und 136 ctm. Breite frei hervor. Auf der Platte stehen zwei eiserne emaillirte Waschschalen, über welchen Wasserhähne angebracht sind. Eine kleinere Glasplatte, welche Seife, Holzfaserbündel und Nagelreiniger trägt, ragt 42 ctm. Über der Waschplatte frei aus der Wand hervor. An Stelle der gebräuchlichen Nagelbürsten, deren sichere Reinigung grosse Schwierigkeiten bereiten dürfte, benutze ich kleine Bündel aus feinen Holzfasern. Das Material lässt sich zum Abseifen der Hände sehr gut gebrauchen, ist nahezu wertlos, wird vor jeder Operation durch auskochen sterilisirt und nach einmaliger Verwendung verbrannt?. ?

Neuber zur Instrumentenentwicklung: ?Die meisten Instrumente sind aus einem Stahlstück, möglichst glatt, ohne Rillen und Spalten gearbeitet. Zusammenge-setzte Instrumente, wie Scheren, Schieberpincetten, Kornzangen, Hohlmeisselzangen etc. lassen sich zwecks der Reinigung leicht auseinander nehmen und hernach wieder zusammensetzen.?

Wichtig ist, dass zu jeder neuen Operation alles wieder keimfrei ist und so ordnete der Professor folgerichtig für die Reinigung an: ?Tische, Stühle, Gummidecken, Schürzen und Stiefel werden nach jedmaligem Gebrauch abgeseift und vor jeder Operation mit Sublimatwasser (1:2000) abgewaschen. Die Reinigung der Glasgefässe geschieht in derselben Weise. - Die Instrumente werden nach der Be-nutzung in heissem Wasser geseift und gebürstet, unmittelbar vor jeder Operation ¼ Stunde in kochendes Wasser, sodann in eine mit 1%. Carbollösung gefüllte Schale gelegt und in die Nähe des Operationstisches gestellt. Ein für die Sterilisa-tion der Instrumente bestimmter Kochapparat befindet sich in jedem Operations-zimmer.?

Auch die ?pilzfreie Luft? war für Neuber ein wichtiges Thema. Er konstruierte, mit aus heutiger Sicht einfachen Mitteln, eine Klimaanlage, den Vorläufer der modernen OP-Deckenlüftung, wodurch das OP-Feld immer keimfrei mit Frisch-luft versorgt wurde und die ?schmutzige? Luft aus dem OP-Bereich nie in saubere Bereiche gelangen konnte.

Ausführliche Hinweise hält Neuber für die Reinigung von Personal und Patienten bereit und schreibt 1884/1885 u. a.: ? Jeder neu eintretende Patient bekommt zunächst ein Vollbad?.

Neben weiteren Details appelliert, nein er fordert ein: ?Ich betone ganz besonders, dass zu der Erreichung eines derartigen Erfolges (Anm. des Verf.: Die Patienten dürfen nicht mehr an der OP-Folgen  durch mangelnde Hygiene sterben ) nicht nur im allgemeine Einrichtungen des Hauses, sondern auch absolut zuverlässige Aerzte, Wärter und Schwestern gehören.? Besonders auf die Auswahl und Qualität des Personals achtete Gustav Adolf Neuber höchstpersönlich und garantierte, dass nicht ein Glied seiner Asepsiskette diese zum Reißen brachte.

Neubers konsequente Umsetzungen seiner Ideen zur keimarmen Klinikbehand-lung waren bahnbrechend für die damalige Zeit. Zusammen mit den medizini-schen und forscherischen Leistungen anderer Weg- und Gesinnungsgenossen wurde gerade in der kreativen Zeit Neubers der Grundstein für durchgehend er-folgreiche und nachhaltige Krankenhausbehandlung gelegt.

Anlässlich des Jubiläums wird ca. zu Beginn der 2. Jahreshälfte 2010 im Sankt Elisabeth Krankenhaus Kiel im Königsweg an historischer Stelle eine Ausstellung zu bewundern sein, die die beschriebenen Maßnahmen und Ereignisse eindrucks-voll dokumentieren. Diese Ausstellung wird von den Mitarbeitern des Kranken-hauses gestaltet. Die historischen Anmerkungen dieses Beitrages haben die Krankenschwester und Hygienefachkraft Karin Pichowsky und der leitende OP-Pfleger Frank Pichowsky gesammelt und geordnet.

Die wesentlichen Aussagen von Prof. Neuber sind zusammengestellt in ?einer historischen Studie anlässlich des 100. Geburtstages von G.A. Neuber am 24. Juni 1950 erschienen im Ferdinand Enke Verlag Stuttgart?. Eine Zusammenfassung zahlreicher Veröffentlichungen zum Thema Neuber.

Gez. Jürgen Marx

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