Arbeit und Erfahrung – Wundbehandlung

Aus Arbeit und Erfahrung Dr. G. Neuber, 1910

In kurz beschriebender Weise ist die aseptische Wundbehandlung im Anschluß und als Abschluß der Arbeiten über den Dauerverband entstanden mit dem festen Zielpunkt und in logischer Entwicklung, nicht im Laboratorium, sondern auf Grund sorgsamster Beobachtung in Operations- und Krankenzimmer. Die erste Etappe bildeten der antiseptische Dauerverband mit den resorbierbaren Drains und der Kanalisation, dem Einschränken der direkten Wundantisepsis und dem Ersatz der Listergaze durch die sterilisierten, später austrocknenden Moostorfverbände, welche erst durch Aufgeben der luftabschließenden Schicht und des Protektive Silk möglich wurden.

Grundriss des Gaardener Isolierhauses
Grundriss des Gaardener Isolierhauses
Originaldeckblatt aus dem Buch »Kurze Beschreibung der aseptischen Wundbehandlung« von Dr. G. A. Neuber, 1892
Originaldeckblatt aus dem Buch »Kurze Beschreibung der aseptischen Wundbehandlung«
von Dr. G. A. Neuber, 1892

Es folgte die zweite Periode, in der ich darauf bedacht war, die Drainage und ihre immerhin noch mangelhaften Ersatzmittel ganz abzuschaffen.

Vermeidung jeder chemischen und mechanischen Wundirritation, also Aufgeben der primären, reizend und toxisch wirkenden Wundantisepsis, möglichste Einschränkung jeder Wundberührung mit Fingern, Schwämmen, Tupfern ect. war dazu erforderlich. Außerdem aber setzte dies eine außerordentlich gesteigerte, derzeit nicht übliche Prophylaxe voraus.

Mit dem Bau eines zu dem Zweck erbauten Hospitals beginnt die dritte Periode.

Letzteres enthielt getrennte Operations- und Badezimmer. Alle Einrichtungen Apparate, Inventarien, sowie das komplette aseptische Instrumentarium (1882 / 83) waren der Reinigung und Reinhaltung außerordentlich zugänglich. Für die Organisation des Betriebes, die Vorbereitung der Verbände, der Kranken und des Personals, für Noninfektion und Reinigung der Hände wurden strengste Anordnungen getroffen. Die antiseptische Irregation schied für alle frischen Wunden allmählich ganz aus, sie wurden durch 0,6 % Kochsalzlösung oder sterile Wasserspülung ersetzt, bis ich auch diese nahezu indifferente Irrigation auf äußerste einschränkte und für die Mehrzahl der Fälle ganz aufgab (1884). Auf diese Weise sowie durch sorgsame Blutstillung, versenkte Nähte und komprimierende Schwamm- oder Polsterverbände bemühten wir uns, die Sekretion aufs äußersten herabzusetzen, bis es für alle frischen Wunden schließlich gelungen war, die antiseptischen Wechselverbände durch die zunächst massigen, später kleinen eleganten Dauerverbände zu ersetzten.

Lage der Klinik und Gebäudesituation im Königsweg, 1892
Lage der Klinik und Gebäudesituation im Königsweg, 1892

Etwas anders steht es mit den Operationen in chronisch entzündeten Geweben, hier sind Auto- Infektionen der frischen Wundfläche nicht zu vermeiden, deren Gefahren in bezug auf Rezidive und Störung der Heilung nur durch eine energische primäre Desinfektion zu begegnen ist. Aber die Form, in der wir letzteres anwenden, ist ungefährlich, denn kurze Desinfektion mit Seifenspiritus oder 5 % Formalinseife, die nachfolgende Wasserspülung, Austrocknung und nicht übermäßige Einträufelung der 5 % Jodoformemulsion hat nach tausendfachen Erfahrungen weder zu übermäßiger Sekretion , noch je zu Intoxikationen Veranlassung gegeben, noch den Wunden geschadet.

Viel mehr ist es auf diese Weise gelungen, nachgiebige Weichteils- und kleinere Knochen- resp. Resektionswunden unter einem Verband, größere starrwandige Höhlen- mit oder ohne temporäre Tamponade unter Anwendung jodoformierter Blutgerinnsel bei seltenem Verbandwechsel in kurzer Zeit zur Heilung zu bringen.

Beispiele zur OP-Vorbereitung von Patienten
Beispiele zur OP-Vorbereitung von Patienten
Beispiele für Operationsnähte
Beispiele für Operationsnähte

Die schwache Jodoformierung in der von mir angewandten Form ist so irrelevant, dass ich sie auch für frische Wunden allen denen empfehlen kann, welche unter Verhältnissen arbeiten müssen, die an die Einrichtungen einer modernen Klinik nicht heranreichen. Es schadet absolut nichts, nach vollendeter Operation einige Tropfen Jodoformemulsion in die Wunde zu träufeln, bevor man diese schließt.

Wer sich der frühantiseptischen Zeit mit der komplizieren Technik und dem häufigen Wechsel der die Wunde sowie ihre  Umgebung reizenden Verbände, mit ihren Gefahren für Patienten und Arzt, mit den nicht seltenen Todesfällen an Karbol-, Sublimat- und Jodoformvergiftung erinnert und damit das einfache, sicher und gefahrlose Verfahren unserer Zeit vergleicht, wird die großen Vorzüge des letzteren zugeben müssen.

Und außerdem: wieviel Kosten sind Anstalten und Patienten, wieviel Schmerzen den letzteren durch Wegfall der häufigen Verbandwechsel, wieviel Zeit und Arbeit den Ärzten erspart worden, dazu die zweifellos größere Sicherheit des aseptischen Verlaufs, die schnellere Heilung sowie das größere Wohlbefinden nach der Operation.

So glaube ich wirklich behaupten zu dürfen, dass diese Dauerverbände und das aseptische Verfahren in welchem aber tatsächlich ein guter Teil unschädlicher Antisepsis steckt ein Segen für die leidende Menschheit geworden ist.