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Erste Kontakte Neubers zur Eigentümerin des Sankt Elisabeth Krankenhauses

Gustav Adolf Neuber
Gustav Adolf Neuber

Inhalt des Schriftverkehrs zur Übernahme der Pflege in der Privatklinik des Dr. Neuber und zur Gründung einer Niederlassung in Kiel 1887-1890

Zusammenfassung

1886 eröffnete Dr. Gustav Neuber eine Privatklinik in Kiel im Königsweg 8. Er hatte Schwierigkeiten, Pflegepersonal zu finden. Zwei ihm persönlich bekannte Priester wandten sich an die damalige Generaloberin der Kongregation der Grauen Schwestern von der heiligen Elisabeth, Melchiora Klammt, und baten um die Übernahme der Pflege in der Privatklinik.

Die grauen Schwestern erhielten bereits 1864 ihre Anerkennung als Stiftung durch den preußischen Staat unter dem Namen Katholische Wohltätigkeitsanstalt zur heiligen Elisabeth. Die Stiftung ist Trägerin des Sankt Elisabeth Krankenhauses in Kiel und weiterer Einrichtungen in Deutschland. Daraus entwickelte sich ein jahrelanger Briefwechsel u.a. mit dem katholischen Ortsgeistlichen von Kiel, Pfarrer Joseph Plagge, in dem die Gründung einer Niederlassung in Kiel und der Einsatz von Ordensschwestern in einer Privatklinik diskutiert wurden.

 

 

Aufsichtillustration der Neuber'schen Klinik im  alten Park
Aufsichtillustration der Neuber'schen Klinik im alten Park
Die Neuber'sche Klinik in Kiel, Königsweg 8, 910
Die Neuber'sche Klinik in Kiel, Königsweg 8, 910
Der Grundstein für die Asepsis (keimarme) Operation und Behandlung wurde für die ganze Welt in Kiel, Königsweg 8 gelegt.
Der Grundstein für die Asepsis (keimarme) Operation und Behandlung wurde für die ganze Welt in Kiel, Königsweg 8 gelegt.

Historischer Hintergrund

Im Hintergrund der Briefe steht der zu Ende gehende Kulturkampf in Preußen. Katholische Orden waren verboten worden, sofern sie sich nicht ausschließlich mit Krankenpflege befassten. Die Grauen Schwestern hatten in der Krankenpflege weiterarbeiten können (sie erwarben sich im preußischdänischen Krieg großes Ansehen), aber Kinderheime und Schulen aufgeben müssen. Die staatliche Überwachung hatte die Zahl der Neueintritte drastisch reduziert und zu einem Rückgang der Schwesternzahl geführt. Die Neugründung von  Niederlassungen war lange Zeit nicht möglich gewesen und bedurfte weiterhin einer staatlichen Genehmigung. Seit Beginn der 1880er Jahre wurde die antikatholische Gesetzgebung schrittweise aufgehoben. Die Spannungen zwischen den Konfessionen waren aber weiterhin stark. Nachdem die staatliche Propaganda katholische Ordensleute im Kulturkampf als nutzlose Faulenzer diffamiert hatte, versuchten manche katholische Geistliche nun, durch den Einsatz krankenpflegender Ordensschwestern die Leistungsfähigkeit der Orden zu beweisen.

Neuber'sche Klinik, 1904
Neuber'sche Klinik, 1904
Neuber'sche Klinik, 1908
Neuber'sche Klinik, 1908

Die Diskussion in Kiel

Die Generaloberin lehnte es ab, Schwestern ausschließlich für die Privatklinik des Dr. Neuber Schwestern zu entsenden. In einer Privatklinik gerieten die Schwestern in Abhängigkeit von deren Besitzer und konnten nicht ihrer Ordensberufung entsprechend leben. In Kiel bestand zudem die Gefahr, dass die Schwestern in die Konflikte des Dr. Neuber hineingezogen wurden, insbesondere mit seinem Konkurrenten Dr. Esmarch, einem Verwandten des preußischen Königshauses, den die Schwestern aus der Kriegskrankenpflege kannten und sehr schätzten. Die Generaloberin erklärte sich aber bereit, in der katholischen Gemeinde eine Station für ambulante Krankenpflege zu gründen. Damit war der Ortspfarrer Plagge nicht einverstanden. Er war offensichtlich eng mit Dr. Neuber verbunden und sah keine Möglichkeit, Schwestern nach Kiel zu holen, ohne auch dessen Klinik mit zu versorgen. Er sah auch finanzielle Schwierigkeiten auf sich zukommen, denn er wollte in den nächsten Jahren eine
Kirche bauen und konnte nicht zusätzlich für die Finanzierung einer Schwesternstation sorgen. Zumindest teilweise sollten die Schwestern in der Klinik des Dr. Neuber arbeiten, damit ihre Finanzierung gesichert war. Auf diesen Kompromiss ließ sich die Generaloberin ein, und Plagge stellte einen Antrag an die Regierung. Es wurden bereits zwei Schwestern in die Klinik entsandt, aber bald wieder abgezogen: die Arbeitsbelastung war sehr hoch, die Einhaltung eines religiösen Lebens nicht möglich, und die Zusammenarbeit mit Dr. Neuber erwies sich als schwierig. Die Regierung lehnte den Antrag schließlich ab.

Neuber'sche Klinik, 1910
Neuber'sche Klinik, 1910
Klinik Dr. med. Rehr, vormals in Neuber'schem Besitz (Ansicht v. hinten), 1940
Klinik Dr. med. Rehr, vormals in Neuber'schem Besitz (Ansicht v. hinten), 1940

Graue Schwestern kommen nach Kiel

Nach dem endgültigen Scheitern der Verhandlungen durch die Ablehnung der preußischen Regierung im Juli 1889, gründeten die Schwesten zunächst keine Niederlassung in Kiel. Eine erste Niederlassung entstand 1898 in der Lindenstraße. Sie wurde
1976 geschlossen. Eine zweite Niederlassung gab es in Kiel-Ellerbeck, Franziusallee, von 1925 bis 1945. 1958 übernahm die Kongregation die von Dr. Neuber gegründete Klinik, das heutige Sankt Elisabeth Krankenhaus im Königsweg 8, heute mit dem Ärztehaus Königsweg 8-14.

Wesentliche Inhalte der Briefe

von 1887-1890 (aus dem Berliner Archiv der Katholischen Wohltätigkeitsanstalt)

Marinepfarrer Wiesemann an Generaloberin,

Kiel, 25. Juli 1887
(Blatt 1-2) Der katholische Marinepfarrer Wiesemann bittet die Generaloberin Melchiora Klammt um Entsendung von Schwestern in die Privatklinik des Dr. Neuber in Kiel. Wiesemann ist ein persönlicher Freund des hoch angesehenen protestantischen Arztes Dr. Neuber, der Schwierigkeiten hat, für seine Klinik Pflegepersonal zu finden. Wiesemann hält die Gelegenheit für günstig, die überlegene Leistungsfähigkeit der katholischen Schwestern zu demonstrieren.

Generaloberin an Marinepfarrer Wiesemann,

Neisse, 12. August 1887
(Blatt 3) Die Generaloberin lehnt die Bitte um Schwestern für die Privatklinik des Dr. Neuber wegen Schwesternmangels ab. Sie kann die Nachfrage nach Schwestern schon seit Jahren nicht erfüllen, da die Kräfte nicht reichen.

Pfarrer Plagge an Generaloberin,

Emsdetten, 5. Oktober 1887
(Blatt 4-5) Pfarrer Plagge bittet um zunächst 5 Schwestern für eine der beiden Privatkliniken von Dr. Neuber. Sie sollen in einem separaten Haus wohnen, das Plagge kauft und an Dr. Neuber vermietet. Nach der Genehmigung der Regierung sollen die Schwestern auch in anderen Kliniken des Dr. Neuber angestellt werden, ihre Zahl soll auf 15 steigen. Der Bischof von Osnabrück begrüßt den Einsatz der Schwestern. Dies würde die katholische Sache fördern. Die protestantischen Diakonissen sind in Kiel so wenig angesehen, dass man ihnen die städtische Armenpflege wieder entzogen hat. Die Grauen Schwestern müssen tüchtig sein, da die Protestanten sie kritisch beobachten werden und Dr. Neuber in Dr. Esmarch einen lauernden Gegner hat.

Pfarrer Marcus an Assessor,

Lübeck, 12. Oktober 1887
(Blatt 6-7) Pfarrer Marcus äußert seine Meinung zur Errichtung einer Niederlassung in Kiel. Er hält es für richtig, dass die Anfrage des Marinepfarrers abgelehnt wurde. Der Bitte des Ortspfarrers und der Beurteilung des Bischofs möchte er aber nicht ohne weiteres widersprechen. Für eine Niederlassung spricht, dass Kiel sich im Aufschwung befindet, dass die Schwestern in der Klinik gute Weiterbildungsmöglichkeiten haben und dass Kiel nahe an anderen Niederlassungsorten der Grauen Schwestern liegt. Es muss allerdings an dem Grundsatz festgehalten werden, dass die Schwestern nicht in einer Privatklinik arbeiten, weil sie dann von deren Besitzer abhängig werden. Sie könnten in einem solchen Anstellungsverhältnis nicht mehr frei für andere Ärzte und deren Patienten arbeiten, beispielsweise für Dr. Esmarch, einen Gegner des Dr. Neuber und Verwandten des preußischen Königshauses. Die Generaloberin sollte also Pastor Plagge Schwestern zusichern, die aber auch für andere Ärzte arbeiten.

Generaloberin an Pfarrer Plagge,

Neisse, 14. Oktober 1887
(Blatt 8-9) Wegen der Nähe zu den anderen Stationen in Hamburg etc. ist die Generaloberin im Prinzip bereit, Schwestern nach Kiel zu senden, möchte sie aber nicht nur für die Privatklinik des Dr. Neuber einsetzen. In einer Privatklinik geraten die Schwestern in ein Abhängigkeitsverhältnis zum Inhaber und werden in dessen Angelegenheiten verwickelt. Die Gefahr liegt nahe, daß die eigentliche Berufstätigkeit der Schwestern, nur aus Liebe zu Gott den Kranken zu dienen, bei dergleichen Privatunternehmungen ganz in Frage gestellt werden könnte. Wir möchten daher grundsätzlich daran festhalten, daß die Schwestern die Berufung für den ausschließlichen Dienst eines ärztlichen Privatunternehmens nicht annehmen. Es wäre am besten, die Schwestern könnten mit einer selbständigen Niederlassung in Kiel beginnen und erst in zweiter Linie bei Dr. Neuber arbeiten. Möglicherweise würde die Regierung eine selbständige Niederlassung nicht genehmigen. Trotzdem solle man sich darum bemühen. In diesem Sinne erklärt sich die Generaloberin bereit, Schwestern nach Kiel zu Dr. Neuber zu schicken.
Wie bei der Beschäftigung in öffentlichen Lazaretten brauchten die Schwestern eine eigene Wohnung mit allem Notwendigen. Die Generaloberin kann allerdings die erforderlichen Schwestern im Moment nicht schicken, da der Kulturkampf die Zahl der Schwestern dezimiert hat und neu gegründete und erweiterte Niederlassungen besetzt werden müssen. Zwar steigt die Zahl der Schwestern wieder, aber ihre Ausbildung erfordert Zeit. Der Zeitpunkt für die Gründung ist Kiel soll daher noch hinausgeschoben werden.

Pfarrer Plagge an Generaloberin,

Kiel, 17. Oktober 1887
(Blatt 11-12) Pfarrer Plagge freut sich über die Zusage und bittet um möglichst baldige Entsendung mindestens einer Schwester, da Dr. Neuber in großer Verlegenheit mit Pflegepersonal ist.

Generaloberin an Pfarrer Plagge,

Neisse, 21. Oktober 1887
Die Generaloberin erkennt die Leistungen und Bemühungen des Dr. Neubers an hat aber starke Zweifel daran, dass die Anforderungen Neubers sich mit dem christlichen Auftrag der Schwestern vereinbaren lassen.

Fortgang des intensiven Briefwechsels

Im weitern Verlauf von Oktober 1887 bis März 1890 bemühen sich die Generaloberin, Pfarrer Plagge, Pfarrer Marcus, eine Schwester Marianne, der Bischof Bernhard Hölting, Dr. Neuber selbst, ein Reichstagsabgeordneter Lingens, Pfarrer Espanis und zwei Schwestern, Priscilla und Armella, intensiv um eine Problemlösung. 1888 war man sich bereits grundsätzlich einig
und einige Schwestern arbeiteten bereits in Kiel und auch bei Dr. Neuber. Die Schwestern berichten über einen sehr schwierigen Umgang mit dem eigenwilligen Arzt.

Durch die Ablehnung der Genehmigung am 30. Juli 1889 durch die Königliche Regierung hatten die intensiven Bemühungen um
die Kieler Niederlassung zunächst ein Ende.