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Gegenwind für Neubers Tatendrang – Verleumdungen

Gustav Adolf Neuber
Gustav Adolf Neuber


»Viel Feind, viel Ehr« – dieser Ausspruch gilt auch für das Leben und Wirken Gustav Adolf Neubers. Die Durchsetzung seiner revolutionären Ideen erforderten viel Kraft und eine klare Zielsetzung. Mit den nachfolgenden Beispielen kann man ahnen, was Neuber durchzustehen hatte.

Aus Arbeit und Erfahrung

Dr. G. Neuber, 1910
Der Beginn dieser Arbeiten auf dem Gebiet der Wundbehandlung fällt in die Zeit meiner Tätigkeit als erster Assistent der chirurgischen Klinik in Kiel. Herr Geheimrat v. Esmarch war damals durch Krankheit vielfach behindert, so dass ich ihn oft einmal sogar ununterbrochen ½ Jahr als Lehrer und Direktor der Klinik vertreten musste, gleichzeitig wurde mir von meinem Chef mit großer Liberalität gestattet, das gesamte Material seiner Klinik in einer Weise zu benutzen, wie es für meine Arbeiten notwendig erschien. Das hat mich Herrn v. Esmarch zu großem Dank verpflichtet, auch über die Zeiten hinaus, welche unter traurigen Verhältnissen zur Lösung unserer vordem stets ausgezeichneten Beziehung führte. Esmarch hatte damals die besten Jahre hinter sich ich stand im leistungsfähigsten Alter. Meine Vorlesungen wurden allzu fleißig besucht und meine Hilfe auch außerhalb der Klinik zu oft gewünscht  Klatsch und unkontrollierbare Gerüchte taten das ihrige, bis es zum offenen Bruch kam. Propter invidiam!

Es gab Zeiten, wo ich Aussicht hatte, v. Langenbeckscher Assistent zu werden; auf v. Esmarchs dringenden Wunsch und durch das von ihm unter direktem Hinweis auf seine hohen Beziehungen gegebene Versprechen, mir später eine geeignete Stellung verschaffen zu wollen, bin ich damals bei ihm geblieben. Als ich dann 1884 brüsk vor die Tür gesetzt wurde, war keine Rede mehr davon. In 1878 hatte ich habilitiert, jetzt wurden mir die Hörsäle der Klinik und das poliklinische Material für meine Vorlesungen, das Mutterhaus, das städtische Krankenhaus, sowie eine hiesige Privatklinik für meine Patienten gesperrt.

v. Esmarch unterließ nicht mir mitzuteilen, dass sein obenerwähntes Versprechen durch mein Benehmen hinfällig geworden sei; ich forderte Beweise, wiederholt auch durch dritte Personen; ich erbot mich, in Gegenwart beiderseitiger Zeugen gegen jeden Vorwurf mich verteidigen zu wollen umsonst, nicht einmal eine Antwort wurde mir zuteil.

Johann Friedrich August von Esmarch
Johann Friedrich August von Esmarch

Da für eine auswärtige Anstellung nicht die geringste Wahrscheinlichkeit bestand, blieb mir nichts übrig, als in Kiel zu bleiben und mir eine eigene Anstalt zu gründen. Vor dem entscheidenden Schritt habe ich auch dies Herrn v. Esmarch mitgeteilt, dass lediglich sein feindseliges Benehmen mich zu diesem Schritt zwingen würde; er antwortete ich möge es nur riskieren! Damit begann der Kampf aggressiv von gegnerischer Seite, defensiv von mir geführt. Studentenschaft und Publikum traten überwiegend auf meine Seite. Von vornherein fiel mir eine ausreichende Praxis zu, welche sich mit den Jahren oft zum Nachteil v. Esmarchs steigerte. Jetzt wurde ich mit Schmutz beworfen und von maßgebenden akademischen Kreisen in die Acht getan. Einige Beispiele aus meiner mehr enthaltenden Mappe, werden dies beweisen.

1. Am 25. Oktober 1885 schrieb Herr Professor Seelig an den Redakteur des »Holstein. Courier« in Neumünster folgenden Brief: Geehrter Herr! Soeben wird mir ein Zeitungsausschnitt zugeschickt, welcher mich resp. meine (fortschrittliche) Fraktion deshalb angreift, weil wir die Position des vorigen Etats von 54000 M für die Erweiterung der chirurgischen Klinik in Kiel nicht angegriffen haben. Der Sachverhalt überrascht, als wir diesen Posten im Budget erblickten, schrieben auch sofort hierher um
Aufklärung. Das Bedürfnis einer Erweiterung diese Hauses wurde anerkannt, nur die Höhe bemäkelt. Aber bald kamen heftige Angriffe sogar anonyme Briefe an Eugen Richter von angeblichen Fortschrittlern. In Wirklichkeit stand die Partei des Dr. Neuber dahinter, der eine Privatklinik errichtet hat und seinem ehemaligen Lehrer Esmarch auf jede Weise zu schaden sucht. Er ist auch konservativ geworden, um Karriere zu machen und hat Dr. Wenzel hier vorgeschoben für seine Interessen.
Kiel, 25. Oktober 1885, gez. Dr. Seelig

Seelig war Ordinarius der philosophischen Fakultät und Freund Esmarchs und politischer Parteiführer. Es vergingen etliche Wochen, bevor ich von vorstehendem Artikel überhaupt etwas hörte dann aber stellte ich Herrn Professor Seelig natürlich sofort und veranlasste ihn zu folgender Erklärung, welche in drei verschiedenen Zeitungen von ihm publiziert werden musste, so auch in der fortschrittlichen »Kieler Zeitung« vom 21. Dezember 1885:

In einem im »Holst. Courier« von mir geschriebenen Privatbrief befinden sich verschiedene, Herrn Dr. Neuber beleidigende Auslassungen. Ich hielt mich zu der Vermutung berechtigt, dass mehrere, sowohl in anonymen Briefen als in Zeitungsartikeln
erfolgte gehässige Angriffe von Herrn Dr. Neuber ausgegangen wären. Durch Freunde, welche eine Vermittlung herbeizuführen suchten, ist Herr Dr. Neuber hiervon unterrichtet worden und hat ihnen die Versicherung gegeben, dass er diese Angriffe nicht veranlasst habe. Durch diese Erklärung bin ich überzeugt worden, dass mein gegen Herrn Dr. Neuber gerichteten Verdacht grundlos gewesen ist. Ich bedauere deshalb die in jenem Privatbriefe ausgesprochenen, Herrn Dr. Neuber beleidigenden Äußerungen und nehme dieselben als unrichtig zurück. Ich bemerke dabei, dass ich das Original jenes Briefes unparteiischen Personen vorgelegt habe; diese haben sich überzeugt, dass jener Brief nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war.
Kiel, 21. Dezember 1885, gez. Dr. Seelig


Auf obrige Erklärung zog ich die eingeleitete Verleumdungsklage gegen Herrn Professor Seelig zurück.

2. Auf Wunsch des Herrn Dr. Neuber wiederhole ich demselben jetzt eine bereits vor 2 Jahren ca. gemachte Mitteilung über eine Äußerung des Herrn Geheimrat v. Esmarch. Derzeit teilte Herr Geheimrat v. Esmarch mir mit, dass der Dr. Neuber sowohl
auf der Eisenbahn wie auch auf Stationen und in Hotels Kolporteure angestellt habe, um Kranke für seine Anstalt zu gewinnen. Ich habe dieser Mitteilung sofort wiedersprochen und bemerkt, dass ich mich verpflichtet hielte Dr. Neuber davon in Kenntnis zu setzten. Dies bezeugt der Wahrheit getreu
Kiel, 27. Juni 1888, Dr. med. Kaestner

3. Im Juni 1888 teilte einer meiner Zuhörer mir folgendes schriftlich mit: Im Herbst 1887 redete mich Herr Geheimrat von Esmarch auf der Straße an und fragte mich unter anderem, wie man unter den Studenten über Herrn Dr. Neuber dächte. Im Anschluß an diese Frage teilte mir Herr Geheimrat v. Esmarch einen Vorgang mit, aus dem man schließen könne, was für ein Mann der Herr Dr. Neuber sei. Dr. Neuber habe unlängst einen Enkel des Reichskanzlers Fürsten von Bismarck behandelt und bei dieser Gelegenheit sich bemüht, im eigenen Interesse der Mutter des Kindes gegenüber die Krankheit weit bedenklicher darzustellen, als sie in der Tat gewesen sei. Zu diesem Zweck habe Dr. Neuber der Mutter, der Gräfin Rantzau, ein gefälschtes Thermometer mitgegeben, welches bei der Verwendung stets die gleiche, aber zu hohe Körpertemperatur anzeigte. Hierdurch wurde die Gräfin in unnötiger Sorge erhalten, dass ihr Kind schwer krank sei, obwohl nur eine leichte, durchaus ungefährliche
Entzündung am Finger vorgelegen habe.
Dies bezeugt der Wahrheit gemäß Kiel 28. Juni 1888, Oswald Gerloff, cand. med.

Sofort legte ich diese Schriftsätze dem Kurator der Universität vor, stellte Herrn v. Esmarch und verlangte Revokation und Entschuldigung. Esmarch suchte auszuweichen, es kam zu einer Verhandlung, die Situation wurde für ihn sehr ernst, bis er schließlich folgende Erklärung abgab:

Der Richtigkeit der Versicherung des Herrn Dr. Neuber, dass er nach Lösung unseres amtlichen Verhältnisses mir gegenüber sich korrekt benommen habe, schenke ich Glauben und nehme jetzt keinen Anstand, die gegen Herrn Dr. Kaestner und Dr. Gerloff über Herrn Dr. Neuber gemachten Äußerungen als tatsächlich unrichtig unter dem Ausdruck meines Bedauerns hiermit
zurücknehmen.
Kiel, 13. August 1888, Dr. v. Esmarch

Durch vorstehendes Schreiben, welches dem Kurator der Universität, sowie den beteiligten Ärzten und Studenten mitgeteilt wurden, erklärte ich mich befriedigt, falls dasselbe durch den Kurator zur Kenntnis des Geheimrat Althoff in Berlin und sämtlichen ordentlichen Professoren der hiesiegen medizinischen Fakultät gebracht würde. Daß dies geschehen solle, hat mir der Kurator, Herr Präsident Mommsen, versprochen. Ich hätte Esmarch wegen verleumderischer Beleidigung wider besseres
Wissen verklagen, ich hätte ihn vor das militärische Ehrengericht zwingen und bei der Gelegenheit auch miteilen können, was ich über die Entstehung der künstlichen Blutleere weiß ich habe ihn geschont, weil er vordem mein wohlwollender älterer Freund und Lehrer gewesen war und mich mit jener Erklärung beruhigt, in der Erwartung, dass nunmehr friedliche Zeiten kommen würden. Leider habe ich mich darin getäuscht, denn Esmarch dachte an keine Versöhnung und alle in der Richtung von mir eingeleiteten Verhandlungen blieben nach wie vor erfolglos. Und Althoff rührte sich nicht, auch damals nicht, als ich ihm erklärte, dass ich bereit sei, meine in sozialer, ärztlicher und finanzieller Hinsicht sehr günstige Kieler Position eventuell
aufzugeben.

Althoff antwortete mir, dass die Vorbedingung für mein Fortkommen die Aussöhnung mit Esmarch sei und als ich ihm mitteilte, dass Esmarch sich absolut ablehnend verhalte, entließ er mich freundlich, aber achselzuckend!

Bis zum August 1910 hat Neuber sich immer wieder (erfolgreich) wehren müssen, Briefe gesammelt und Gespräche protokolliert. Dadurch ist ihm zu Lebzeiten ein großer Teil der Anerkennung versagt geblieben, die ihm wahrhaft gebürt hätte. Wir wollen mit unseren Darstellungen dazu beitragen, Professor Doktor Gustav Adolf Neuber noch weiter in das rechte Licht zu rücken, welches ihm in der Medizingeschichte zusteht.