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Gustaf Adolf Neuber und seine chirurgischen Privat-Hospitäler


Original-Text

Wie aus einer beigegebenen Skizze hervorgeht ist das Gebäude rings von baumreichen, theils sehr alten Gärten umgeben. In unmittelbarer Nähe, nur durch ein Grundstück getrennt, bewohne ich das Parterre des Hauses Königsweg No.4, während in den oberen Räumlichkeiten desselben Hauses Krankenzimmer eingerichtet sind.
Das Gaardener Hospital, in dem ich nach Vertrag mit dem dortigen Gemeindevorstand eine chirurgische Abteilung eingerichtet habe, liegt an der Ostseite des Kieler Hafens und ist bei Benutzung der Dampffähre vom Königsweg aus in 15 Minuten zu erreichen. Gaardener Hospital und Königsweg No.4 sind durch Telephon mit einander verbunden.

Im Hause Königsweg No.4 sind sieben Zimmer für die erste Klasse disponibel, im Hause Königsweg No.8 zwölf Zimmer mit 24 Betten für die 2. Klasse und im Gaardener Hospital acht Zimmer mit 26 Betten für die 3. Klasse.

Verpflegungs- und Bedienkosten belaufen sich pro Tag:
für die erste Klasse auf 6 Mark 7 Mark 50 Pf.
für die zweite Klasse auf 4 Mark
für die dritte Klasse auf 2 Mark 50 Pf.
Jede der drei Abteilungen hat ein gesondertes Verwaltungs-, Dienst- und Pflegepersonal, alle stehen unter derselben Aufsicht und ärztlichen Direction. Diese Trennung in drei Abteilungen ist für die Oberleitung beschwerlich und nicht besonders ökonomisch, für die Kranken aber von Vortheil, weil die sanitären Verhältnisse jedes Patienten sich, bei genügendem Kubikraum Luft pro Bett, für den einzelnen um so günstiger gestalten, je weniger Betten unter einem Dache stehen.

Fig. 1: Lageplan der Kieler Kliniken 1886 rund um die Förde; die Neuberschen Kliniken im Königsweg und in Gaarden sind rot markiert
Fig. 1: Lageplan der Kieler Kliniken 1886 rund um die Förde; die Neuberschen Kliniken im Königsweg und in Gaarden sind rot markiert
Fig. 2: Die Neubersche Klinik in Kiel, Königsweg 8, mit den Parkanlagen
Fig. 2: Die Neubersche Klinik in Kiel, Königsweg 8, mit den Parkanlagen

Auch werden Verwaltung und Pflege, bei einer verhältnissmässig geringen Zahl von Schutzbefohlenen, den Interessen und Bedürfnissen des einzelnen in einer für den Patienten vorteilhaften Weise gerecht werden können, denn eine Verwaltung muss doch, ceteris paribus, bei 25 Kranken für den einzelnen mehr als z.B. bei 100 leisten; im ersten Fall lassen sich annähernd familiäre, dem Kranken gewiss sehr wohlthuende, im letzteren nur kasernenartige Verhältnisse herstellen.

Aufnahme und erste Untersuchung sämmtlicher Kranker findet in den Parterreräumen des neuen Hospitals am Königsweg statt. Die Patienten aus der Stadt, sowie jene der ersten uns zweiten Klasse werden im neuen Hospital, die der dritten Klasse theilweise ebendaselbst, meist aber im Gaardener Krankenhaus operiert.


Fig. 4: Grundriß der Klinik im Königsweg
Fig. 4: Grundriß der Klinik im Königsweg
Fig. 5: Höhenplan für die Grundwassersituation zur Entfeuchtung des Krankenhauses im Königsweg 8
Fig. 5: Höhenplan für die Grundwassersituation zur Entfeuchtung des Krankenhauses im Königsweg 8

Das Privat-Hospital für die 1. Klasse

Im Hause Königsweg No.4 befinden sich ausser meiner Privatwohnung im Erdgeschoss sieben Zimmer für Kranke 1. Klasse, davon 5 im Obergeschoss und 2 im Dachgeschoss. Naheres über die Grösse und Lage dieser Zimmer geht aus dem beigegebenen Grundriss hervor. Ein Badezimmer liegt im Keller, Theeküche und Verbandstube im Obergeschoss. Die Zimmer werden durch Kachelöfen  geheizt, für hinreichende Ventilation ist durch verschliessbare Wandöffnungen gesorgt, von denen 4 resp. 2 in den gegenüber liegenden Aussen- und Corridormauern angebracht sind. Der Corridor stösst an ein sehr geräumiges
und luftiges Treppenhaus, von wo her stets frische Luft zuströmt. Die Küche liegt im Keller; die Speisen werden mittels Aufzug in die Etagen befördert. Je ein Eimerkloset befindet sich im Keller und im Dachgeschoss.

Flüssige Abfälle und Verbrauchswässer finden Ableitung durch ein mit den städtischen Kanälen in Verbindung stehendes Siel, welches rings um das Haus gelegt ist.
Das Aufsteigen von Kanalgasen ist durch passend angebrachte Wasserverschlüsse unmöglich gemacht. Das Haus steht auf trockenem Sandboden. Operationen werden nicht im Hause, sondern im benachbarten Hospitale Königsweg No.8 ausgeführt. Der Transport der Operirten von einem Haus zum anderen findet auf einer Tragbahre durch die Gärten und den zwischen beiden liegenden Verbindungsgang statt. Der Garten liegt sehr geschützt und steht während der Sommermonate für die Benutzung der Patienten 1. Klasse zur Disposition.

Fig. 3: Obergeschoß mit Krankenzimmern
Fig. 3: Obergeschoß mit Krankenzimmern
Fig. 6: Das Prinzip der Entwässerungsanlage
Fig. 6: Das Prinzip der Entwässerungsanlage
Das Prinzip der Entwässerungsanlage in der Nahansicht
Das Prinzip der Entwässerungsanlage in der Nahansicht

Das Privat-Hospital für die 2. Kasse

Entwässerung, Abfuhr, Heizung und Ventilation

Im Hause Königsweg No.8 welches während des Sommers 1885 erbaut wurde, befinden sich im Keller die Wirtschafträume, 2 Badezimmer, Verbandstube und Wohnräume für einen Theil des Hauspersonals (Fig.4); im Erdgeschoss die Operations-, Untersuchungs- und Warteräume; im Ober und Dachgeschoss 12 Zimmer, welche für die  Aufnahme der Patienten bestimmt sind. Das Haus liegt, ebenso wie das Privathospital 1. Kl. 12 Meter über dem Meeresspiegel und steht auf trockenem Sandboden (Fig.5). Rings um die Grundmauer liegen 14 ctm. Weite Thondrains, welche den grössten Theil des gegen die Grundmauer sich senkenden Wassers auffangen und in die städtischen Kanäle ableiten (Fig.6). Zudem sind Grundmauern und Grundfläche des Hauses für Wasser undurchgängig gemacht, erstere durch eine äussere Cementbekleidung und Theerschicht (Fig.6), letztere durch eine 2 ctm. Dicke Cementschicht, welche einer die Grundfläche de Hauses bildenden Ziegelsteinlage aufliegt.

Um das Aufsteigen von Feuchtigkeit in der Mauer selbst zu vermeiden, befindet sich in der Grundmauer eine 2 ctm. Dicke Asphaltlage, welche mit Theer bestrichen ist (Fig.6). Bei der günstigen Beschaffenheit des Erdbodens und dem tiefen Stand des Grundwassers genügen die das Haus umgebenden Drains und die wasserdichte Bekleidung des im Erdreich stehenden Gemäuers, um das Eindringen von Feuchtigkeit aus dem Haus umgebenden Boden auszuschliessen.

Das Haus wird durch Wasser aus der städtischen Leitung versorgt. Die Ableitung der flüssigen Abfälle und der Verbrauchswässer ist so eingerichtet, dass sowohl Stagnation von Flüssigkeit im Hause, als auch Aufsteigen von  Kanalgasen unmöglich sind.

Die Grundflächen der Kellerräume sind theils mit Cement, theils mit Mamorterazzo belegt (Fig.6). Die Terazzobodenfläche der Küche zeigt eine leichte Neigung gegen eine flach ovale Senkung an der Aussenmauer. Von dem tiefsten Punkte dieser Bodensenkung aus durchdringt ein weiteres Abzugrohr  die Mauer (Fig.6), welches nach Einschaltung eines Wasserverschlusses und Passage einer Schlammkiste mit den das Haus umgebenden Ableitungskanälen in Verbindung tritt.

Fig. 7: Querschnitt durch die Heizungsanlage
Fig. 7: Querschnitt durch die Heizungsanlage
Fig. 8: Grundriß des Erdgeschosses im Königsweg 8
Fig. 8: Grundriß des Erdgeschosses im Königsweg 8
Fig. 14: Grundriß des Obergeschosses des Gaardener Krankenhauses
Fig. 14: Grundriß des Obergeschosses des Gaardener Krankenhauses

Im Parterre sind die 5 Operationszimmer und der Corridor mit Marmorterazzo belegt, auch hier ist der Boden gegen eine flache, der Aussenmauer anliegende Senkung geneigt. Der tiefste Punkt dieser Senkung schliesst genau mit dem unteren Rande einer die Mauer durchdringende Glasröhre ab, welche 10 ctm.  ausserhalb der Mauer endet und frei in die Luft ragt (Fig.6).

Durch die Glasröhre strömt das Wasser aus den Operationszimmer ab, wird ausserhalb durch einen eisernen emaillirten Trichter aufgenommen und fliesst alsdann durch ein senkrechtes Rohr in die das Haus umgebenden Kanäle, nachdem in Grundhöhe des Hauses ein Wasserverschluss passirt war. Durch  diesen Wasserverschluss und die oberhalb des Trichters vorhandene vollständige Unterbrechung der Ableitungsröhren in das Eindringen von Kanalgasen in die Operationsräume ausgeschlossen (Fig.6).

Dieselbe Abflussgelegenheit befindet sich im Badezimmer des Erdgeschosses. Am Nordende des Corridor, im Keller und Dachgeschoss ist je ein grosser rechteckiger Ausguss 40 ctm über der Bodenfläche angebracht.

Unter dem Ausguss ist der Fussboden mit grossen Bleiplatten belegt und die Wand dahinter in weiter Ausdehnung mit Kacheln bekleidet. Die von diesen Ausgüssen senkrecht abfallenden Röhren sind mit je 2 Wasseranschlüssen versehen und münden an dem nördlichen Ende des Hauses in die dasselbe umgebenden Ableitungskanäle.

Die Klosets liegen im nördlichen Anbau des Hospitals, zwischen denselben und dem Corridor befindet sich ein Windfang, letzterer sowohl wie die Corridore selbst sind so ausreichend ventiliert, dass nicht einmal im Windfang ein unangenehmer Geruch bemerkbar ist. Täglich einmal wird in die Abfuhreimer Torfmull geschüttet, welcher Flüssigkeiten und Gase absorbiert. Die Abfuhreimer werden nicht durch das Haus getragen, sondern mittelst einer Winde an der hinteren Seite des Hauses auf den Hof transportiert.

Die vom Eisenwerk Kaiserslautern zu Kaiserslautern ausgeführte Centralluftheizungs-Anlage (Fig.7) besteht darin, dass die von aussen entnommene frische Luft durch eigens construirte Heizapparate, welche im Keller aufgestellt sind, erwärmt und dann durch Mauerkanäle hindurch den betreffenden Zimmern durch entsprechend angelegte Abluftkanäle über Dach in's Freie entweicht. Vor dem Eintritt der kalten Luft in die Heizkammern wird dieselbe durch Luftfilter aus Sackleinen von Staube gereinigt.

Es sind 4 Stück Saalschachtoefen No. 36 von je 11,4 qm. Heizfläche in je einer separaten Heizkammer zur Aufstellung gekommen. Die Oefen sind für Füllfeuerung construirt und der Rost ist der Grösse der Abkühlungsflächen dermaassen angepasst, dass ein Glühen der Oefen, d.h. ein damit verbundenes Überhitzen der Luft nicht eintreten kann. Zur Erhaltung eines normalen Feuchtigkeitsgehaltes der Luft ist ein Wasserverdunstungs-Apparat Vorgesehen, dessen Wasserstand vom Heizerstand aus leicht regulirbar ist. Die Reinigung der Oefen geschieht auf sehr einfache Weise von den angebrachten Reinigungsthüren aus ohne die Heizkammer betreten zu müssen. Die Einsteigethüre ermöglicht jederzeit eine bequeme Contolle über den Zustand und die Functionirung des Heizofens, sowie eine leichte Reinigung desselben.

Weitere Anmerkungen:
Neuber beschreibt im weiteren Verlauf ausführlich Bau und Funktion seiner »Klimaanlage«. Desweiteren erklärt er, was im Erd- und Kellergeschoss untergebracht ist und wie das Gebäude insgesamt funktioniert. Zuletzt grenzt er die Aufgaben der Gaardener Kliniken zu seinen Gebäuden im Königsweg ab.