Die Aseptische Wundbehandlung in meinen Chirurgischen Privathospitälern

von Dr. Neuber 1886  

Die aseptische Wundbehandlung und die für dieselbe erforderlichen Vorkehrungen.  

Ist es möglich, die entzündungserregenden Stoffe während der Operation von der Wunde fern zu halten? Das ist eine Frage, deren Lösung ich mir seit Jahren zur Aufgabe gemacht habe. 

Wenn man bedenkt, das die Infektionsstoffe überall massenhaft auftreten, dass sie unter gewöhnlichen Verhältnissen für unsere Sinne gar nicht wahrnehmbar sind so wird es einleuchtend sein, dass es grosse Schwierigkeiten bereitet, diese Stoffe aus den Operationsräumen, von dem Inventar, dem Patienten und Personal, kurz von all denjenigen Menschen und Gegenständen, welche während der Operation mit der Wunde in Berührung kommen, fern zu halten. Dazu gehören ganz besondere Einrichtungen, welche bis jetzt in keinem Hospital vorhanden sind. 

Zu dieser Überzeugung war ich nach vielen Arbeiten auf dem Gebiete der Wundbehandlung schliesslich gelangt und stand nun vor der Alternative, entweder von der weiteren Durchführung meiner auf die Verbesserung der Wundbehandlung gerichteten Pläne abzusehen oder ein Hospital zu errichten, welches alle für meine Zwecke erforderlichen Bedingungen erfüllte. Ich wählte den letzteren Weg und baute ein neues Hospital, welches in seinem Erdgeschoss gewisse, für die Prophylaxe der Wundkrankheiten wichtige Einrichtungen enthält. Das Hospital wurde mit grossen Kosten lediglich aus Privatmitteln erbaut und hat nur bei einer hinreichenden Krankenfrequenz Aussicht auf Existenzfähigkeit. Ich war also darauf angewiesen, dort zu bauen, wo ich eine genügende chirurgische Beschäftigung erwarten durfte. Demnach konnte für mich nur Kiel in Frage kommen, wo ich bereits seit 8 Jahren als Chirurg in untergeordenter Stellung thätig gewesen und bekannt geworden war. In der Erwartung, hier, ohne wesentliche Schädigung der bestehenden chirurgischen Anstalten, eine genügende Beschäftigung zu finden, habe ich mich nicht getäuscht, denn einerseits fanden meine Hospitäler einen für ihr Bestehen genügenden Zuspruch und anderseits haben weder die kgl. Chirurgische Klinik noch die Universitätspoliklinik einen Abbruch am Lehrmaterial erlitten .Im Uebrigen wird die durch mein Unternehmen entstandene grössere Concurrenz schliesslich doch nur Kranken zu Statten kommen, welche hier am Ort chirurgische Hülfe suchen. Meine Hospitäler sind ebenso wohl wie alle anderen Krankenhäuser gemeinnützige Anstalten; sie wurden von mir gegründet in der Absicht, eine wesentlich verbesserte Wundbehandlung durchzuführen und chirurgisch Kranken eine möglichst gute Behandlung zu Theil werden zu lassen.  Somit hoffe ich, dass die glückliche Durchführung meiner Pläne eine Förderung allgemeiner Interessen veranlassen wird. 

Es befinden sich, wie bereits erwähnt, im Erdgeschoss fünf getrennte Operations- resp. Untersuchungsräume. 

Andere chirurgische Anstalten besitzen im Allgemeinen nur einen Operationssaal. Dieser pflegt opulent ausgestattet zu sein und macht im Allgemeinen auf den oberflächlichen Beschauer einen viel versprechenden Eindruck. Wir finden complicirte Operationstische nach den neusten Modellen, Subsellien für die Zuschauer, hübsche Schränke mit einem sehr reichhaltigen Instrumentarium, diverse, dem Auge gefällige Wand und Deckenverzierungen, Vorhänge an den Fenstern, Schränke mit Verbandsvorräthen , Flaschen mit antiseptischer Lösung, complicirte Waschvorrichtungen und eine grosse Zahl verschiedener kleiner Gegenstände, welche an den Wänden hängend oder auf den Tischen liegend ihrer gelegentlichen Verwendung harren, gleichzeitig aber als Staub und Bacterienfänger eine Rolle spielen und die Reinlichkeit des Zimmers in hohem Grade beeinträchtigen. 

Man revidire nur die bei flüchtiger Besichtigung nicht ins Auge fallende Winkel und Ecken, beachte besonders die oft mit dicker Schmutzschicht belegten Kanten der Thürleisten, Spiegel, Fensterrahmen, die hinteren, oberen und unteren Bekleidungen der Schränke man untersuche die zwischen Fussleisten, Wand und Bodenflächen vorhandenen Spalten die unter den Schränken befindliche Bodenfläche, die Abfallröhren der Waschtische kurz alle jene Ablagerungsplätze für Schmutz jeder Art, welche nur bei den selten wiederkehrenden Generalreinigungen Berücksichtigung finden. In solchen Operationsräumen gibt es Bacterien in Unzahl, jeder Luftzug wirbelt Unmengen davon auf und verunreinigt die Zimmerluft, das Inventar, die Bekleidung des Personals sowie die Oberfläche des Patienten. Solch ein Raum kann niemals rein oder auch nur annähernd bacterienfrei sein, da müssen freilich die Wunden vor Anlegung der Naht und des Verbandes mit stark reizenden Lösungen bearbeitet werden, um all die während der Operation eingedrungenen Entzündungserreger zu vernichten. 

Aus diesem Grunde wurden im neuen Hospital anstatt des gebräuchlichen einen, fünf gesonderte Operationsräume eingerichtet. (Anmerkung des Verf. Diese Trennung bezog sich auch auf das Inventar, die Instrumente, die Bekleidung der Ärzte, die Irrigationsflüssigkeiten , Schwämme und sonstigen Geräte). Davon ist der grösste für Operationen in acut entzündeten Geweben und gleichzeitig für den Wechsel der Verbände bei ambulanten Kranken sowie für die Vorlesungen bestimmt. In diesem Zimmer werden die Erysipele, Phlegmonen , Abscesse etc. behandelt, hier wird auch mit Ausschluss der frischen Fälle die Ambulanz erledigt, hier verkehrt die Mehrzahl der Patienten, Aertzte und Studenten. 

Ein zweites Zimmer ist für Operationen in chronisch entzündeten Geweben eingerichtet; dahin gehören vor allen Dingen die chronischen Knochen- und Gelenkentzündungen, alle fungösen Erkrankungen der verschiedenen Körpertheile , Knochennekrosen, ulcerirende Tumore, Geschwüre u.s.w. 

Im dritten Zimmer werden frische Verletzungen behandelt und Operationen in nicht entzündlichen Geweben vorgenommen, es sind daher vornehmlich Exstirpationen von Geschwülsten, Osteotomien, Amputationen, um welche es sich hier handelt. In einem vierten Zimmer werden unblutige Operationen  Dehnungen, Brisements, Osteoklasen ausgeführt, Gyps- und andere Conventivverbände angelegt. Der fünfte Raum schliesslich ist für Untersuchungen bei Erkrankungen des Darmes und des Urogenitaltraktes reservirt, bei denen Verunreinigungen des Zimmers und Inventars mit Excrementen unvermeidlich sind. 

Ich habe jedes Operationszimmer so einrichten lassen, dass einerseits die Infectionsstoffe wenig Gelegenheit zum Anhaften oder gar zur Entwicklung fi nden und andrerseits die Reinlichkeit der Wand- und Bodenflächen, des Inventars, der Instrumente, der Luft etc. durch geringe Arbeitskräfte leicht und gründlich herzustellen ist. 

Fig. 9: Operationszimmer, 1886
Fig. 9: Operationszimmer, 1886

Wir finden zunächst überall möglichst ebene Flächen (Fig.9), jeder ornamentale Schmuck ist vermieden, die 4 glatten Wände, welche zur Zeit einen Oelanstrich erhalten, sind nur durch die Heizungs- und Ventilationsöffnungen sowie durch Fenster und Thür unterbrochen. Der Marmorterazzo-Fussboden fällt gegen eine, an der Aussenwand befindliche flachovale Ausflusssenkung leicht ab. Die Holzbekleidungen der Fenster und Thüren sind möglichst schmal und glatt gearbeitet, alle Spalten zwischen Holzbekleidung und Wandfläche mit Kitt gedichtet. Als Fensterbrett dient eine 26 ctm, tiefe und 130 ctm, breite Glasplatte, auf welcher während der Operation Schalen, Kannen und andere Glasgeräthe stehen. Von der Mitte der Zimmerdecke hängt eine einfache doppelarmige Glaslampe herab, dicht neben dem Waschtisch ist ein Gaskochapparat für die Desinfection der Instrumente angebracht, die zum Anhängen der Schürzen und Handtücher bestimmten Wandhaken sind fest eingemauert und nur in der gerade erforderlichen Zahl vorhanden. Unmittelbar nach der Operation wird das Zimmer gereinigt. Wenn es sich um Operationen in frischen oder chronisch entzündeten Geweben handelt, so lasse ich dieselbe Reinigung vor jede neuen Operation wiederholen und gleichzeitig Wände, Decke, Fenster, Thür und Fussboden mit Wasser besprengen, so dass alle anhaftenden Staubpartikel sowie Bacterien durch eine Flüssigkeitsschicht festgehalten werden und nicht herabfallen können.

Das Zimmerinventar besteht zunächst aus mehreren Stühlen, je einem Operations-, Instrumenten-, Verband- und Waschtisch (Fig.9). Die Einrichtung des letzteren ist außerordentlich einfach und sauber. Aus der Wand ragt eine 3 ctm. dicke Glasplatte von 48 ctm. Tiefe und 136 ctm. Breite frei hervor. Auf der Platte stehen zwei eiserne emaillirte Waschschalen, über welchen Wasserhähne angebracht sind. Eine kleinere Glasplatte, welche Seife, Holzfaserbündel und Nagelreiniger trägt, ragt 42 ctm. Über der Waschplatte frei aus der Wand hervor. An Stelle der gebräuchlichen Nagelbürsten, deren sichere Reinigung grosse Schwierigkeiten bereiten dürfte, benutze ich kleine Bündel aus feinen Holzfasern. Das Material lässt sich zum Abseifen der Hände sehr gut gebrauchen, ist nahezu wertlos, wird vor jeder Operation durch auskochen sterilisirt und nach einmaliger Verwendung verbrannt.

Ueber dem Waschtisch befindet sich eine kleine Spiegelplatte, welch, das Niveau der Wand nicht überragend, in dieselbe eingemauert ist. Der Fussboden des Zimmers ist, wie bereit erwähnt, leicht gegen eine flachovale Bodensenkung geneigt, welche der Aussenwand anliegt. In der letzteren liegt gegenüber dem tiefsten Punkte der Senkung ein Abflussrohr aus Glas mit ovaler Lichtung. Dieses Rohr durchsetzt die Aussenmauer, mündet vor derselben draußen frei aus; das abfliessende Wasser wird durch eine unterhalb angebrachten weiten Trichter (Fig.6) aufgefangen und von dort den Abflusskanälen des Hauses zugeführt (Fig.6). Es strömt also alles beim Waschen und Reinigen verbrauchte Wasser sammt Eiter und Blut, nachdem es auf den Fussboden gegossen war, direkt nach aussen ab - ohne Vermittelung einer Röhrenleitung, in welcher sich durch Zersetzung zurückgebliebener organischer Stoffe Gase entwickeln und ins Zimmer eindringen könnten.