Praxis der aseptischen Wundbehandlung in Neubers Chirurgischen Privathospitälern

von Dr. Neuber 1886  

? Fortsetzung ?

Um nun in meinem Operationsräumen eine möglichst reine pilzfreie Luft herzustellen, habe ich folgende Einrichtung getroffen: Die Zimmerluft befindet sich in beständiger Circulation, es strömt durch den Heizungskanal warme Luft ein und durch den gegenüberliegenden Ventilationskanal fliesst sie fortwährend ab. Durch den auf diese Weise hergestellten lebhaften Luftwechsel findet in schon 30 Minuten eine vollständige Erneuerung der Zimmerluft statt.

Durch Versuche wurde ferner nachgewiesen, dass bei geschlossenen Fenstern und Thüren durch Lücken und Spalten der letzteren eine Zuströmung nicht erfolgt. Somit stammt alle ins Zimmer eindringende Luft aus der Heizkammer, wo dieselbe beträchtlich erhitzt wird. - In der hohen Temperatur der Heizkammer geht zunächst eine grosse Zahl von Luftpilzen unter. Bevor die erwärmte Luft in das Zimmer eintritt, muss sie seinen vor der Ausströmungsöffnung angebrachten Wattefilter passiren, welcher die unverbrannt gebliebenen Pilze zurückhält.

Fig. 4: Operationsräume Nr. I und II
Fig. 4: Operationsräume Nr. I und II
Fig. 11: Filtrierapparat
Fig. 11: Filtrierapparat

Die eintretende Luft ist somit pilzfrei, sie könnte aber nachträglich im Zimmer durch schädliche Stoffe, welche den Wänden, dem Inventar und Personal anhaften, inficirt werden. Um dies zu vermeiden, lasse ich Wände, Decken, Fenster, Thüren vor der Operation mit Wasser besprengen, das Inventar wird mit feuchten Tüchern abgerieben, das Personal vor dem Eintritt in das Zimmer durch den Nebel eines Sprengapparates geführt, es werden also sämtliche im Zimmer vorhandenen Oberflächen befeuchtet und durch die Feuchtigkeit etwa anhaftende Infectionsstoffe fixiert, so dass sie während der Operation sich nicht loslösen und weder in die Zimmerluft noch auf die Wunde fallen können.

Das für die Irrigation der Wunden erforderliche Wasser wird in 2 besonderen Kammern sterilisirt, deren eine für die Operationsräume Nr. I und II (Fig.4), die andere für Nr. III, IV und V (Fig.8) bestimmt ist. ? In der Kammer befindet sich ein Herd, auf dem Herd steht ein Kessel, an dessen Deckel ein Filtrirapparat (Fig.11) angebracht ist. Ueber dem Filtrirapparat, welcher aus einem mit Sand gefüllten Blechcylinder mit Asbestboden besteht, ist ein Wasserhahn angebracht. Der Kessel wird mit dem filtrirten Leitungswasser gefüllt, und letzteres durch einstündiges Kochen sterilisiert. ? Falls es sich um die Herstellung von 0,6%. Kochsalzlösung handelt, wird ein entsprechendes Quantum Salz vor dem Kochen in den Kessel geworfen. Wenn Sublimat- und Carbollösungen bereitet werden sollen, so findet der entsprechende Zusatz erst nach dem Kochen des Wassers statt. Für jede grössere Operation lasse ich die Lösungen besonders herstellen. In dem vor seiner Transportirung äußerlich mit Sublimatwasser angefeuchteten Kessel wird die Lösung ins Operationszimmer gebracht und hier während der Operation mit den für die Wundirrigation bestimmen Kannen direkt ausgeschöpft.

Fig. 8: Operationsräume Nr. III, IV und V
Fig. 8: Operationsräume Nr. III, IV und V
Fig. 4: Isolationshaus
Fig. 4: Isolationshaus

Reinigung des Personals und der Patienten (1884 / 85)

Aerzte, Wärter und Schwestern waschen sich zunächst ausserhalb des Operationszimmers, werden dicht vor der Thür desselben mit Sublimatwasser besprengt und mit leinenen Mützen, Operationsröcken resp. Schürzen bekleidet, legen im Zimmer Gummischürzen und Gummistiefel an waschen sich dort nochmals und desinficiren Vorderarme, Hände sowie das Gesicht mit Sublimatwasser. Im Interesse der allgemeinen Reinlichkeit habe ich für das Personal wöchentlich zu wiederholende Vollbäder und häufigen Wechsel der Leibwäsche angeordnet. Bei Operationen in frischen und chronisch entzündeten Geweben sind im Allgemeinen keine Zuschauer zugegen und nicht mehr Leute im Raum, als absolut erforderlich; jedenfalls müssen alle überflüssigen Anwesenden sich denselben Vorbereitungen unterwerfen, wie das ständige Personal, sie dürfen unter allen Umständen nur als Zuschauer fungieren.

Jeder neu eintretende Patient bekommt zunächst ein Vollbad. Es befinden sich drei Badezimmer im Hospital, das erste ist bestimmt für Leute mit frischen Wunden und mit gesunder Körperoberfläche, das zweite für Kranke mit Fisteln und chronischen Geschwüren, das dritte für septische Patienten. ? Falls es sich um Wunden oder Geschwüre handelt, wird die Umgebung derselben zunächst gereinigt und verbunden, erst nachdem dies geschehen, besteigt der Patient das Bad. Nach dem Bade werden etwa vorhandene Geschwüre oder frische Wunden nochmals gereinigt und desinficirt und frisch verbunden. Sodann lasse ich die Körperoberfläche mit Sublimatlösung abreiben, und einen reinen leinenen Mantel umhängen und den Kranken in?s Operationszimmer transportieren. ? Während Einleitung und Chloroformnarkose wird der zu operierende Körperteil entblöst und nochmals mit Sublimatlösung abgewaschen, auch der den Körper umhüllende Bademantel mit Sublimatlösung besprengt und alsdann der Patient bis auf das Operationsfeld mit dünnem Gummituch bedeckt.

Fig. 12: Obergeschoss mit Bad und Krankenzimmern
Fig. 12: Obergeschoss mit Bad und Krankenzimmern
Fig. 13: Bäder, Personal- und Krankenzimmer
Fig. 13: Bäder, Personal- und Krankenzimmer

Zuverlässigkeit des Personals

Wenn in der vorstehend beschriebenen Weise alle Vorbereitungen für eine Operation getroffen sind, so haften weder dem Inventar noch den anwesenden Personen Infectionsstoffe an, welche mit der Wunde in Berührung kommen könnten.

Es würde also, unter der Voraussetzung einer tadellosen Vorbereitung, bei den in meinem Hospital vorhandenen Einrichtungen Entzündungserreger nicht in die Wunde gelangen und unter diesen Verhältnissen wäre die Behandlung der Wunde mit antiseptischen Stoffen und fernerhin die Drainage überflüssig, wir dürfen die durchaus pilzfreie Wunde fest durch eine Naht schlissen und die Heilung unter einem Verbande, der vom Tage der Operation bis zum Tage der voraussichtlich eintretenden Heilung liegt, erwarten. ? Ich betone ganz besonders, dass zu der Erreichung eines derartigen Erfolges nicht nur im allgemeine Einrichtungen des Hauses, sondern auch absolut zuverlässige Aerzte, Wärter und Schwestern gehören.